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Stimme

Künftig ein diagnostisches Hilfsmittel?

22.06.2016

Sie verrät viel über die Persönlichkeit. Bei exakter Analyse dient sie sogar zur Früherkennung von Krankheiten

2810112019901119483129873Die Augen gelten als Spiegel unserer Seele. Experten sagen: Die Stimme verrät deutlich mehr über uns. Alter, Stimmung, Geschlecht, Charakter und Herkunft sind nur einige der Informationen, die man anhand der Sprechweise gewinnen kann. Sogar zum Gesundheitszustand liefert die Stimme Hinweise. Mal offensichtlich wie bei einer Erkältung, mal subtiler, etwa durch ein leichtes Zittern bei Parkinson. So wurde die medizinische Forschung auf die Vorgänge im Kehlkopf aufmerksam.
Sprechen ist ein sehr komplexer Vorgang, an dem mehr als hundert teils winzige Muskeln beteiligt sind. Neuronale Veränderungen machen sich hier frühzeitig bemerkbar. In aller Welt versuchen Wissenschaftler, winzigen stimm­lichen Veränderungen auf die Spur zu kommen. Sie wollen Krankheiten wie ­­Demenz, Parkinson, ALS oder Depressionen früher erkennen oder sicherer diagnostizieren.
An der Universität Oxford läuft aktuell ein Forschungsprogramm zur Früherkennung von Parkinson, und am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology hat der Mathematiker Dr. Max Little gerade 17.000 Stimmproben aus aller Welt gesammelt, um seine Software zur Erkennung der Nervenkrankheit zu verfeinern.
Sprache ist eine Form von Bewegung. Krankheiten wie Parkinson betreffen also nicht nur Arme und Beine, sondern auch den Stimm­apparat. Die von dem Forscher entwickelte Software erkennt mit einer Trefferquote von 99 Prozent, ob jemand unter Parkinson leidet. Allerdings kann sie Diagnosen nur bestätigen. Im nächsten Schritt soll die Krankheit früher erkannt werden.
Sprache zu analysieren ist jedoch alles andere als einfach: Informatiker können zwar Algorithmen programmieren, aber oft fehlt ihnen das Fachwissen, die Ergebnisse korrekt zu interpretieren. Solche Fehlerquellen gibt es auch im medizinischen Bereich: Rührt das Zittern der Stimme vom Alter oder von einer Krankheit her? Ist jemand nur traurig oder schon depressiv? Da ist noch viel Forschung nötig.
Auch bei ADHS und Depression könnte es helfen, die Stimme zu analysieren. So stellten Wissenschaftler fest, dass depressive Patienten häufiger um einen Ton kreisen als ­gesunde Probanden. Auch bei ADHS gibt es Unterschiede: Betroffene Schüler sprechen zwar scheinbar besonders lebendig. Doch bei genauerer Analyse zeigte sich in einer Untersuchung eine ­sehr starre und unflexible Lautbildung, die in der Lautstärke schwankt. Noch ist diese Art der Diagnostik Zukunftsmusik. Aber vermutlich werden Stimmanalysen künftig eine große Rolle in der Medizin spielen.

 
22.06.2016, Bildnachweis: iStock/Alex Raths